Interview mit Renaud Barret und Florent de la Tullaye
Wie entstand Euer Film?
RB: 2004 habe ich eine kleine Werbeagentur in Paris geführt und Florent war internationaler Fotojournalist. Aber wir hatten beide die Nase voll davon. Wir gingen nach Kinshasa und haben nach einigen Begegnungen die TV-Dokumentation LA DANSE DE JUPITER gedreht, ein langer Marsch durchs Ghetto mit Musikern. Damals trafen wir zum ersten Mal STAFF BENDA BILILI. Wir haben schnell beschlossen, ein Album mit dieser unglaublichen Truppe zu machen und sie dabei zu filmen. Genau genommen wurden wir ihre Produzenten, weil sie uns sagten, dass wir das seien! Wir waren eine lange Zeit mit ihnen zusammen, weil wir das Gefühl hatten, dass ihre Geschichte mit unserer verknüpft sei. Sie haben uns immer wieder motiviert, auch in den schlimmsten Augenblicken. 2007 beschlossen wir, einen Film über die Band zu machen, der nach der Aufnahme des Albums enden sollte. Dann ergab sich die Möglichkeit von Konzerten in Europa und wir entschlossen uns weiterzumachen mit unseren dürftigen Mitteln.
FT: BENDA BILILI! ist unser erster abendfüllender Film fürs Kino, aber schon der dritte Film über Kinshasa, und wir bereiten gerade einen vierten vor. So dringen wir allmählich tief ins Getriebe dieser Stadt ein. Wir leben mit den Leuten, die wir filmen, das ist es, was uns interessiert. Wir arbeiten mit federleichten Kameras, so können wir wie Fotojournalisten arbeiten und sind immer bereit, wenn etwas geschieht.
RB: Wir hätten ohnehin nicht mit einer gewöhnlichen Crew arbeiten können. Schritt für Schritt haben wir Lingala gelernt, eine der Amtssprachen der Demokratischen Republik Kongo. So kommen wir besser an die Leute heran. Wir wurden zu Experten für Kinshasa und glauben, dass die endlosen Klischees der ausländischen Fernsehberichte das dortige Volk falsch darstellen. Das sorgt für einigen Ärger unter den Leuten, wenn Weiße an der Oberfläche verharren. Wir suchen lieber nach anderen Seiten. Unser Glück ist es, dass wir mit Musikern arbeiten, darum haben uns die Leute im Ghetto mit offenen Armen empfangen. Kinshasa ist eine kaputte Stadt, aber immer noch sehr fotogen. Die Leute sind wie Don Quixote, voller Träume. STAFF BENDA BILILI hat sich einen Traum ausgedacht – und nun wird er wahr.
Wie habt ihr sie getroffen?
RB: Eine Zufallsbegegnung auf einer unserer Streifen. Wir hatten schon früher von ihnen gehört, wie von einer schwer zu lokalisierenden Gang. Eines Abends spielten sie vor einem Restaurant, das von Weißen und der lokalen Oberschicht besucht wird. Ihre Musik sprach uns sofort an, mit Andeutungen von Elmore Jones Blues. Und STAFF kannte uns schon vom Hörensagen, weil wir schon länger wie Verrückte andere Bands gefilmt hatten.
FT: Schon am nächsten Tag begannen wir zu filmen. Renaud folgte Coco und kam unglücklicherweise mit der Kamera am Gebäude des Geheimdiensts vorbei. Sofort tauchten überall Polizisten auf – und STAFF reagierte mit heftiger Gegenwehr. Coco wollte sogar die Station auf dem Rollstuhl angreifen! Dieser erste Tag hat uns sehr verbündet, seither stehen wir uns gegenseitig bei. Im Jahr danach kamen wir wieder nach Kinshasa mit etwas Geld, um ein Album zu produzieren. Nach den ersten drei Tagen im Studio zerstörte ein Feuer das Heim, in dem einige Mitglieder der Band schliefen. Wir mussten die Aufnahme unterbrechen, sie hatte nichts mit der Realität zu tun, in der sie nun völlig mittellos dastanden. Alle waren sehr unglücklich, das Feuer kam genau in dem Augenblick, in dem sie dabei waren, sich ihren Traum zu erfüllen. Sie mussten mit den Sessions aufhören und Geld auftreiben, um so gut wie möglich zu überleben.
2006 kamen wir nach Kinshasa zurück, um VICTOIRE TERMINUS zu drehen, einen Dokumentarfilm über weibliche Boxer; da haben wir dann die Dreharbeiten mit STAFF BENDA BILILI fortgesetzt und ihnen auch ausgeholfen. Gegen Ende unseres Aufenthalts kam Vincent Kenis (der Produzent der Reihe Congotronics beim belgischen Label Crammed Discs), um STAFF im Zoologischen Garten aufzunehmen. Und schließlich kamen wir 2007 wieder, mit genug Geld, um die Musiker während der Studioaufnahmen zu versorgen. Ihr Leben auf den Straßen fraß sie regelrecht auf. Es ist ein endloser Kampf, keiner kümmert sich um die Straßen, das macht es für Behinderte so schwer, überhaupt herumzukommen. Sie sind Übermenschen!
Wann ist Roger, der junge Satongé-Spieler aufgetaucht?
RB: Wir sahen ihn schon 2004 auf dem Land in einem Zentrum, wo er nach Essen fragte. Er spielte auf seinem seltsamen Instrument und wir wollten mit ihm reden, aber er verschwand und wir sahen ihn erst 2005 durch Zufall wieder. Wir schlugen ihm vor, sich bei STAFF BENDA BILILI vorzustellen, und nach einem Vorspiel, das alle entzückte, schloss er sich der Gruppe an. Roger war ein Shégué, ein Kind, das auf den Straßen lebte. Kinshasa ist eine aufreibende Stadt, in der Familien von weniger als einem Dollar im Monat leben und die meisten Kinder keine Schule besuchen. Viele Familien müssen ihre Kinder auf der Straße aussetzen, weil sie sich nicht um sie kümmern können. Manche verlassen ihre Familie von selbst, weil es da nichts zu essen gibt. Und andere sind Kriegswaise. Man schätzt, dass es 100.000 Shégués gibt. Sie putzen Schuhe und verkaufen Zigaretten am Rand der Stadt und kehren am Wochenende mit ihren kümmerlichen Einnahmen heim, um ihre Familie zu versorgen. Die Regierung deportiert sie nach Ostkongo oder zwingt sie, dem Militär beizutreten. Die Situation ist explosiv, wenn die Kinder keine Hilfe erhalten, werden sie manchmal gewalttätig und schließen sich Straßengangs an. Die Mitglieder von STAFF BENDA BILILI sind so etwas wie Väter für sie, gerade für Ricky.
FT: STAFF BENDA BILILI ist wie eine Gewerkschaft der Straße, die das Gesetz macht. Sie sind sehr gut organisiert, weil sie zusammenhalten müssen um zu überleben. Sie helfen sich gegenseitig. Sie brauchen die Kinder, um herumzukommen, und die Kinder brauchen die Behinderten als Beschützer, so entsteht eine kleine Gemeinschaft von Papas und adoptierten Kindern.
Wovon erzählen die Lieder von STAFF BENDA BILILI?
RB: Sie sind ein Ausdruck der Straße. Die Texte erscheinen einfach, aber sie geben eine wichtige aufklärerische Botschaft an die überwiegend analphabetische Bevölkerung. Lingala ist eine ziemlich einfache Sprache, so sind viele Bedeutungen versteckt. Lieder wirken harmlos, aber in Wirklichkeit sind sie voller Kraft, Humor und werfen einen nüchternen Blick auf den Alltag in Kinshasa. Wir sind schon lange Fans von schwarzer Musik aller Art, von Funk bis Soul, und diese Stadt hat uns fasziniert mit ihrem Rhythmus, Reichtum, und Vitalität ihrer Musikszene. Heute verfolgen wir das Ziel, von uns gefilmten Musikern dabei zu helfen, ein Album aufzunehmen und ein besseres Leben zu führen.
FT: STAFF ist zwar eine Gruppe von behinderten Musikern, die in jungen Jahren von Kinderlähmung getroffen wurden, aber sie waren von Beginn an talentierte Musiker, die in anderen Bands mitspielten. Nur dass sie immer zu spät kamen – Zeit ist in Kinshasa eine sehr dehnbare Kategorie! Also haben sie beschlossen, miteinander zu spielen. Die Umstände bei der Aufnahme des ersten Albums waren sehr schwierig, wir haben vier Jahre gebraucht um es fertig zu stellen. Auch beim Film war es so: Wir haben auf Zeit gespielt und abgewartet bis zu ihrem Durchbruch. Das war dann der Auftritt auf Eurockéennes in Belfort 2009, eines der größten Musikfestivals in Frankreich. Wir waren sehr bewegt, dieses Abenteuer mit ihnen zu erleben, besonders wenn wir zurückblicken darauf wie sie uns vor Jahren vorhersagten: "Mit euch werden wir‘s schaffen!"
RB: STAFF hat nie an seinem Erfolg gezweifelt. Das ist normal, nach einem so harten Leben. Die meisten Musiker sind schon im Erwachsenenalter, darum steigt ihnen der Erfolg nicht zu Kopf. Sie ziehen jetzt mit ihren Familien kleine Gewerbe auf. Roger, der bald Vater wird, hat einen Videogeräte-Handel gegründet, um ein regelmäßiges Einkommen für seine Familie zu haben.
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